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chocolate for the parents 035

 

Kristallmassaker / Crystal Massacre

In memoriam Harald Szeemann

(erschienen in Rainer Hawlik/Sandra Manhartseder (Hg.) (2006) Farbenhäuser und Lichtgewächse/Colour Houses and Luminous Plants. Wenzel Hablik, Paul Scheerbart, Bruno Taut, Wien-Bozen, Folio Verlag)

Wandelbare Farbgewalt, amorphe Härte in gebrochenem Wechsel facettierter Schichten kristalliner Vision - das Kristallmassaker thematisiert Harald Szeemanns Engagement für die erneute Rezeption der utopischen Kunst Wenzel Habliks und damit utopischer Bildentstehung. Filmische Bruchstücke einer Verzauberung auf Zeit, sich transformierende Splitter futuristischen Entwurfs eingebettet ins Pathos feinstofflicher bis eruptiver Klanglandschaften des science-fiction. Gemälden und Zeichnungen Wenzel Habliks, Videos und kristallines Bildmaterial als analoge Fliehpunkte, aperiodische Kristallationspunkte filmischer Bewegung. Platonische Körper, deren geometrischen Wiederholung und trigonometrische Verschiebung durch analoge Unreinheiten mathematisch Bild für Bild vermischt werden. Es entsteht die so die Aperiodik eines elfminütigen Prozesses der Umkristallisation durch stetige Modifikationen der räumlichen und zeitlichen Faktoren.


Normalerweise kann man ein periodisches Muster um einen bestimmten Abstand so verschieben, dass jedes verschobene Atom genau die Stelle eines entsprechenden Teils im Originalmuster einnimmt, in einem quasiperiodischen Muster aber ist so eine Verschiebung nicht möglich. Die merkwürdige Beziehung zwischen periodischen und nichtperiodischen Mustern wird zum Gestaltungsmittel mehrdimensionaler Bildbewegung, in der ein quasiperiodisches Muster aus einem periodischen Muster einer höheren Dimension geformt werden kann. In einem Kristall sind Kristallfehler Stellen, an denen das periodische Muster gestört ist. In einem Quasikristall sind das Stellen, wo der dreidimensionale Unterraum gebogen, gefaltet oder gebrochen ist, wenn er den höherdimensionalen Raum durchdringt. Ein Spiel der Phasengrenzen, eine schwingende, sich wiederholende Fernordnung, in der Volumenfehler in Punkt-, Linien-, und Flächenfehlern abgebildet werden – eine Umdeutung kristalliner Kreuzungspunkte in Begriffe. Bildzerlegungen, Wismut, Bergkristall und ikosaedrische Symmetrieelemente, quasikristallinen Strukturen werden in eine digitale Montage gebracht und durch gegenseitige Brechungsmuster in eine Abhängigkeit gesetzt, die dem Betrachter weder Bedeutung aufzwingt noch im rein Ästhetischen verweilt.


Das Kristallmassaker stellt sich als Orakel kristalliner Metaphern in die Macht analoger Assoziation und quasigeometrischer, regelmässiger Unregelmässigkeiten. In vermeintlichen Symbolen verdichtet sich eine durch mathematische Filterung und in aninmierte Bildfolgen übersetzte Machtlosigkeit totalitärer Bedeutungszuweisung, betont durch Fragmente utopischer Klangszenarien aus Blade Runner, Alien vs. Predator und TH1138, welche wie dieelektrische Stürme kleiner und großer Formgrenzen von den Unabwägbarkeiten unserer eignen Vorstellungen künden. Dabei stellt sich die Abgrenzung zwischen den einzelnen Formen nicht als absolut dar, sondern die interne Symmetrie kann sich in unterschiedlichsten sinnlichen Ausprägungen äussern. Eine Art filmische anisotrope Flüssigkeit, deren Verlauf eine Geburtsstätte kristalliner Assoziation zwischen möglichen Aggregatszuständen wiederspiegelt. Eine mögliche strukturale post-strukturalistische Anlehnung an Georg Trakls Gedicht „De profundis“:


...Nachts fand ich mich in einer Heide,
Starrend von Unrat und Staub der Sterne.
Im Haselgebüsch
Klangen wieder kristallne Engel.